Krass, du warst im Knast?

VORWORT

TRIGGERWARNUNG - hier werde ich dann jetzt doch mal eine setzen.
Ich habe jetzt lange darüber nachgedacht, ob und wie ich das Ganze eigentlich zu Papier bringen soll.
Da die Story, wie es zu meiner Inhaftierung kam, nicht einfach mit zwei Sätzen zu erklären ist, habe ich meinem Schreibfluss einfach freien Lauf gelassen - und werde das jetzt auch genau so wie es ist, stehen lassen. Vermutlich bin ich das ein oder andere Mal, in den Jahren verrutscht oder habe eine andere Erinnerung daran als andere. Dabei geht es mir nicht darum, andere Menschen schlecht zu machen oder Mitleid zu erregen. Ich erzähle meine Geschichte. Nicht mehr und nicht weniger.

Krass, du warst im Knast?
...hätte ich gar nicht gedacht.
Wie oft ich das schon gehört habe.
Ja, das würde erstmal niemand denken. Genauso wie viele oft erstmal nicht glauben können, dass ich so schwer Drogenabhängig war oder was ich generell so durchgemacht habe.
Etwas aus seinem Leben zu erzählen, kann manchmal ganz schön schwer sein.
Schockierte Gesichter oder Menschen, die es angeblich erstmal nicht so schlimm finden. Wenn sie dann aber nochmal ein paar Nächte darüber geschlafen haben, ist es ihnen dann doch zu viel.

Aber gut, was möchte man auch erwarten? So tickt unsere Gesellschaft nun mal. Alles, was ein wenig abweicht von der Norm, ist halt unangenehm. Damit möchte man sich nicht auseinandersetzen.  
Erst letztens erklärte eine Freundin aus der Schulzeit es sehr gut: "Das eigene Leben ist vielleicht schon doof genug. Da möchte man sich nicht noch in der Freizeit mit Negativität aufhalten. Deshalb sind auch die Mami Accounts auf Insta so gefragt. Wenn ich Instagram öffne, möchte ich in fröhliche Gesichter schauen und mich nicht mit dem Elend dieser Welt beschäftigen."
Ja, das ist sie. Die traurige Wahrheit. Ich würde lügen, würde ich sagen, dass mich das nicht immer wieder runterzieht.
Du wirst nicht beurteilt, nachdem was du heute tust, du wirst beurteilt, nachdem was war.
Aber ich würde heute nicht mehr hier sitzen, würde ich nicht immer wieder versuchen, trotz all der Rückschläge auf neue Menschen zuzugehen.
Und weil ich immer wieder Hoffnung habe, dass ich irgendwann irgendjemanden dazu bringe, seine Vorurteile abzulegen, werde ich hoffentlich auch nie aufhören, meine Geschichte zu erzählen und dem ganzen eine Stimme und ein Gesicht zu geben.
Und genau deshalb, werde ich JETZT auch eines meiner dunkelsten Kapitel hier niederschreiben.


Mein Vorstrafenregister


...ist lang. Mit 13 oder 14 saß ich das erste Mal vorm Richter. Noch viel früher, hatte ich bereits den ersten Kontakt zur Polizei gehabt.
Im Grundschulalter hatte ich bereits das erste Mal geklaut. Zahnpasta. Diese rote Kinderzahnpasta, die so lecker schmeckt. War eine Mutprobe. Und ich wollte ja dazugehören.
Aus dieser einen Mutprobe, wurden irgendwie mehr.
Zur gleichen Zeit spielte ich bereits mit Nachbarskindern auf den Gleisen des lokalen Güterbahnhofs.
Auch dort wurden wir regelmäßig von der Polizei abgeholt und nach Hause gebracht.
Als ich das erste Mal vor Gericht saß, ging es auch um Diebstähle.
Ich hatte da irgendwie Spaß dran. Mir gab das einen besonderen Kick, was mir damals aber wohl nicht so bewusst war.
Da ich mit sehr wenig aufgewachsen war und wir auch später nicht im Reichtum schwammen, wollte ich irgendwann umso mehr Dinge, die ich nicht haben konnte.
Dabei klaute ich meist nur Kleinigkeit, wie billigen Modeschmuck und mein erstes Make up.
Aber es häufte sich eben und so bekam ich meine ersten Anzeigen, wegen Diebstahls.


Mit 14 entdeckte ich illegale Drogen für mich. Da die Menschen, mit denen ich konsumierte, aus der nächstgrößeren Stadt kamen, musste ich dort immer irgendwie hinkommen.
Da meine Mutter mir natürlich nicht jedes Mal Geld für den Zug gab, fuhr ich dort einfach immer schwarz hin. Eine Strecke von damals noch 45 Minuten und das fast jeden Tag. (Heute gibt es mehrere Züge, die wesentlich weniger Fahrtzeit haben.)
Natürlich wurde ich auch fast jedes Mal kontrolliert und bekam immer einen Schwarzfahrschein und sollte 45 € zahlen. Nach jeder 3.ten Kontrolle, bekam ich dafür auch eine Anzeige.
Eine Schaffnerin hatte wohl großes Mitleid mit mir und ließ mich irgendwann einfach so mitfahren, setzte sich manchmal sogar zu mir und fragte mich aus, was ich denn in meinem Leben so machen würde.
Anfangs versuchte ich mich noch zu verstecken aber auch hier wurde ich immer dreister.
Nach meiner xten Anzeige wegen Schwarzfahren, Diebstahl und mittlerweile auch Vandalismus, bekam ich Sozialstunden aufgebrummt.
Natürlich hatte ich da keine Lust drauf und blieb dem Ganzen einfach fern.
Soweit ich mich erinnere, wurden die Stunden irgendwann in Anti-Aggressions-Training umgewandelt aber auch dieses nahm ich nicht wahr.
So kam es dann, dass ich zur Strafe, das erste Mal in den Jugendarrest kam.
1 Woche, irgendwo in einer fremden Stadt, 2h von Zuhause entfernt.

Direkt am ersten Tag eckte ich an und legte mich mit dem Arrestleiter an. 
Dieser sperrte mich in eine Einzelzelle, damit ich "über mein Verhalten nachdenken konnte".
Natürlich machte es das nicht besser und ich flippte weiterhin aus, schrie rum, tritt gegen die Zellentür und schwor dort alles in Brand zu stecken.
Wie ich mir das wohl vorgestellt hatte in so 'ner gefließten Zelle?
Irgendwann gab ich heulend und erschöpft auf und der Leiter kam, um mich wieder in eine Doppelzelle zu verfrachten. Tatsächlich fiel hier das erste Mal der Begriff "Borderline Störung".
Ich hielt das für total überheblich. Nur weil ich mich bereits einige Monate selbstverletzte und regelmäßig ausrastete, sollte ich direkt eine Störung haben?
Nein, danke! Damit wollte ich nichts zutun haben.
(Fakt am Rande: eine richtige Borderline Diagnose kann man eh erst ab frühestens 19 Jahren stellen.)


Als die Woche endlich vorbei war, gings zurück nach Hause. 
Dort hatte sich nichts geändert und ich machte munter weiter mit meinem bunten treiben.
Ich klaute, nahm Drogen, fuhr schwarz und landete letztlich im Heim.


Wer jetzt meint, dort wurde es besser, hat sich gewaltig getäuscht.
Im Gegenteil. Ich war das einzige Mädchen unter 5 Jungen und hatte einen dementsprechend guten Status.
Zwei der Jungs und ich waren besonders dicke miteinander und so hauten wir auch hier regelmäßig ab, tranken, nahmen Drogen und randalierten in unserer Wohngruppe.
Wir brachen ins Freibad ein, sprayten dort irgendeinen Scheiß an die Wände, pöbelten irgendwelche Menschen an und versuchten sogar einmal ein Auto zu klauen. Was für eine lächerliche Aktion das war. 
Wenn man sowas vor hat, sollte man schon wissen, was man da tut.
Als wir dann eines Tages auch noch an einer räuberischen Erpressung mitbeteiligt waren, reichte es den Betreuern.
Sie sorgten, zusammen mit meiner Mutter, dafür dass ich in eine Kinder -  und Jugendpsychiatrie eingewiesen wurde. Nach meinem zweiwöchigen Aufenthalt, der mir nicht wirklich viel gebracht hatte, kam ich zurück in die Einrichtung, um direkt am selben Tag noch rausgeschmissen zu werden.
Ich war nicht mehr tragbar und sollte erstmal einige Tage zurück zu meiner Mutter, um danach irgendwann in eine Pflegefamilie zu kommen.
Diese Pflegefamilie sah ich genau eine einzige Stunde. Ich brachte meine Sachen dorthin, um direkt wieder abzuhauen.

Meine Mutter war mit ihrem Latein am Ende und auch das Jugendamt wusste sich scheinbar nicht mehr so wirklich zu helfen.
Ich hatte immer mehr Gerichtsverhandlungen, bekam immer wieder Sozialstunden, die ich nie vollendete und landete dafür immer wieder im Jugendarrest.
Es folgten noch einmal 1 Woche, 2 Wochen, 4 Wochen und 3 Wochenendarreste.
Mittlerweile waren noch Anzeigen dazu gekommen, wegen leichter Körperverletzung, Drogenbesitz & Erwerb, Hausfriedensbruch und Nötigung.
Dabei war es teilweise sogar so, dass ich einfach nur dabei war und jemanden vielleicht mal einschüchterte. Ich fühlte mich nie besonders kriminell und hatte für die ganz krassen Sachen, wohl auch immer einen zu großen Sinn für Gerechtigkeit. 
Mir tat es oft noch währenddessen leid, was ich da tat. Aber auch hier, musste ich mich selbst ja irgendwie beweisen und ich hatte gelernt, dass man nur überleben kann, wenn man abgefuckt ist.
Einige Anzeigen bekam ich dabei nur, weil ich jemanden aus meiner Familie oder meinem Freundeskreis (be-) schützen wollte.
Ich kassierte also die Strafen für andere, weil ich wusste, dass ich, zumindest Zuhause, nicht mit so riesigem Ärger zu rechnen hatte.

Mein zuständiger Richter sagte zwar, er hätte die Schnauze voll, jedoch fühlte es sich nie so an, als würde er auch danach handeln.
Ich erinnere mich noch genau an seine Worte, bei meiner letzten Verhandlung bei ihm. 
"So etwas dreistes und hartnäckiges wie dich, habe ich hier noch nie erlebt."
Und mit diesen Worten, sollte ich dann meine erste Bewährung bekommen.

Kurz darauf zog ich aus meiner Heimat weg, ins schöne Schleswig - Holstein.
Die Monate gingen ins Land und ich lebte weiter meinen rebellischen Lifestyle.

Die ersten Monate in meiner neuen Wahlheimat, saß ich so ziemlich auf dem trockenen. Zwei Monatelang hatte ich gar kein Geld. Die anderen Monate, war meine Kohle am 3. des Monats meist schon verfeiert.
Ich lebte von Nudeln und Toast mit Dänischer Remoulade und Käse.
Klar, dass ich auch in dieser Zeit, immer wieder Diebstähle beging.
Dazu sei gesagt, dass ich immer nur in Läden klaute.

Wobei, ich korrigiere mich: meine Mutter hatte ich einige Jahre zuvor, das ein oder andere Mal beklaut.
Ja, shame on me.
Andere Privatpersonen hatten darunter aber nicht zu leiden.

Ich klaute also fleissig weiter in Läden. Lebensmittel, Schmuck, Kosmetik. Alles was mir so zwischen die Finger kam.
Nur an Klamotten traute ich mich nicht ran. Bis ich einen Laden hier entdeckte, der seine Ware nicht sicherte.
Und so ging ich dort ständig ein und aus, um mir immer mal wieder neue Klamotten zu beschaffen.
Ganz besonders dreist wurde ich, wenn ich getrunken hatte oder auf Benzos war.
Dann war mir sowieso alles egal.
Und wenn ich dann doch mal erwischt wurde und die Polizei kam, erzählte ich ihnen irgendetwas von Kleptomanie und wie scheiße unser System sei, weil mich damit ja kein Therapeut behandeln möchte.

Heutzutage bin ich mir nicht mal sicher, ob ich nicht vielleicht wirklich kleptomanisch war oder bin. Auch damit möchte man ja irgendetwas erreichen. Ein Gefühl unterdrücken und ein anderes erzeugen.
Bis heute kenne ich es, das ich dieses Verlangen danach, noch in abgeschwächter Form empfinde.


Mein letztes Jahr 

... vor der Verhaftung war echt heftig. Es war geprägt von Obdachlosigkeit, Gewalt und Sucht.
Meine Wohnung hatte ich bereits, sechs Monate nachdem ich dort eingezogen war, verloren.
Fortan lebte ich in Notunterkünften und bei Bekannten.
Ich war mittlerweile auch bereits einige Male auf Entgiftung gewesen und hatte dort Leute kennengelernt, die wegen noch viel krasserer Drogenprobleme dort waren. Diese Menschen nahmen Opiate zu sich. Subutex. Ein Substitut für Heroinabhängige.


Heroinabhängige bekommen Ersatzmittel, wie u.a. Subutex, Methadon oder Polamidon, um von ihrer Droge wegzukommen.
Dabei rutschen sie auch hier eigentlich nur von einer Sucht in die Nächste.
Und von den Substituten wieder wegzukommen, ist nochmal 'ne Nummer heftiger als vom Heroin an sich.
Subutex z.B. lagert sich im Fettgewebe ab, was wiederum dazu führt, dass man noch Monate nach dem eigentlichen Entzug, Schübe und Entzugssymptomatiken bekommen kann.

Jedenfalls lernte ich diese Menschen dort kennen. Ich war grade einige Monate 20 und bereits zum zweiten oder dritten Mal auf Entgiftung.
Die beiden sehr viel älteren Männer, machten auf mich einen symphathischen Eindruck. Vermutlich war ich aber auch einfach nur verblendet, da ich ja schon immer ein Faible für die verloren Seelen und das kaputte Leben hatte.
Diese beiden waren also dort um vom Subutex zu entziehen. Allerdings nicht freiwillig, sie hatten Auflagen.
Aus diesem Grund, sind die beiden immer wieder los und haben sich ihren Stoff ausserhalb der Klinik organisiert. 
Ich bekam also mit, dass sich die beiden jeden Tag aufs Neue breit machten und natürlich war ich nicht abgeneigt, als sie mich dann eines Tages fragten, ob ich das auch mal ausprobieren wollen würde.
Mein Jugendlicher Leichtsinn war da natürlich sofort am Start.
Und es kam, wie es kommen musste.
Ich haute mir den Scheiß rein und war direkt angefixt.
Anschließend flog ich aus der Klinik, da man natürlich ausgerechnet mich voll breit erwischte. (Dort ist alle naselang jemand am konsumieren aber bei den Meisten wird es einfach übersehen.)

Ich flog dort also raus und saß auf der Straße. Ich hatte allerdings ein bißchen Glück im Unglück. Und mal wieder mehr Glück als Verstand.
Einer der beiden Typen, kannte jemanden, der ein Zimmer frei hatte.
Also zog ich dort quasi auf blauen Dunst mit ein.
Dieser Mensch, mit dem ich dort dann wohnte, war auch wesentlich älter als ich aber sehr friedfertig. Er konsumierte zwar und war abhängig aber war mir gegenüber nett und machte keine komischen Anstalten.
Durch ihn sollte ich tatsächlich auch mit meiner ersten Spritze voll mit Drogen in Berührung kommen.
Dabei handelte es sich dabei sogar um ein Missverständnis.

Er hatte Koks da und wollte das konsumieren. Ich wollte auch, allerdings war mir nicht klar, dass er sich das Zeug spritzte. Als er mir ebenfalls etwas fertig machte und aufzog, war ich irgendwie nicht bereit ihm zu sagen, dass ich das noch nie gemacht hatte und das Zeug auch eigentlich lieber ziehen wollte.
Ich erzählte ihm lediglich, dass ich das allein nicht hinbekommen würde.
Und so setzte er mir meinen allerersten Schuss.


Wochen danach landete er im Knast und ich saß noch immer in seiner Bude.
Weil mir langsam bewusst wurde, dass ich mit meiner Abhängigkeit wieder nicht alleine fertig werde, beschloss ich, noch einmal auf Entgiftung zu gehen.

Das war im Februar 2013. Seit mittlerweile über 6 Monaten, konsumierte ich Subutex und hatte mit ziemlich komischen Gestalten zutun.
Da ich auch nicht wusste, wie lange ich noch in der Wohnung bleiben konnte, ohne Probleme zu bekommen, kam es mir ganz gelegen, wieder auf Entgiftung zu gehen.

Die Entgiftung verlief soweit ganz gut, denke ich.
Bis ich dann irgendwann Heimfahrt hatte. Heimfahrt bedeutet, dass man nach einiger Zeit, einmal nach Hause fahren darf, um zu erproben, wie das im Alltag so aussehen würde, ohne Konsum.
Ich nutzte die Chance, um meine Familie in Niedersachsen zu besuchen. 
Ich möchte auf die nächsten Tage nicht so ausführlich eingehen, Fakt ist jedoch, dass ich dort auf jemanden traf, der offensichtlich drauf war.
Ich nutzte also meine Gelegenheit und fragte ihn nach Stoff, in der Hoffnung, dass er Subutex hätte.
Hatte er nicht. Dafür aber Heroin. Und auch hier, traute ich mich mal wieder nicht zu sagen, dass ich das noch nie genommen hatte und auch eigentlich lieber etwas anderes gehabt hätte.
Also zog ich zum ersten Mal Heroin.

Am nächsten Tag fuhr ich zurück in die Klinik und musste eine Urinprobe abgeben. Das ist da so gang und gebe, wenn man von einer Heimfahrt wieder kommt.
Klar, dass die dort sofort Heroin im Screening fanden und ich meine Sachen packen musste.
Zum gleichen Zeitpunkt, musste auch ein Junge von in meinem Alter seine Sachen, unabhängig von mir, packen, da er am Wochenende gekifft hatte.
Wir waren uns die Woche zuvor schon über den Weg gelaufen und fanden uns ganz symphathisch.
Das allein reichte schon aus, dass wir von dort quasi miteinander durchbrannten.
Was ich in diesem Moment noch nicht wusste: er hatte ein starkes Heroin und Tablettenproblem.

Wir brannten also durch und es dauerte nicht lange, bis ich feststellte, dass es bei ihm wohl doch nicht nur, um ein paar leichte Drogen ging.
Aber das war okay, irgendwie war das ja auch aufregend. Und spätestens nachdem ich als Teenie "Kinder vom Bahnhof Zoo" gelesen hatte, wollte ich ja unbedingt mal so richtig abstürzen und sehen, was diese Kinder an diesem Leben so toll gefunden hatten.
Wir machten da so'n richtiges Bonnie und Clyde - Ding draus.
Ich weiß nicht mehr, wann genau bei mir der Punkt erreicht war, allerdings kam ich recht schnell dazu, dass ich mir das braune Zeug, auch mal in die Vene ballern wollte.
Fun Fact: Ich hatte schon immer RIESIGE Angst vor Spritzen. Durch die ganzen Klinikaufenthalte und das mehrmalige Blutabnehmen, war diese Angst allerdings etwas gesunken und ich dachte wohl schon früher drüber nach, dass es ja jetzt mal Zeit wäre, einen Schritt weiterzugehen.

Also tat ich es. So richtig abgewrackt. Wir fuhren nach Hamburg ans "DROB INN".
Er besorgte den Stoff und wir gingen zurück zum Hbf, um in irgendeinen Zug zu steigen.
Wir verschwanden direkt auf einer dieser reudigen Zugtoiletten und er machte alles fertig.
Da ich ja immer noch keine Ahnung hatte, wie man sich eine Spritze setzt, musste er das für mich übernehmen. Er wusste, dass ich damit noch keine Erfahrungen hatte, machte sich aber scheinbar keine Gedanken darüber.
Ich zog dreimal meinen Arm weg, bevor ich ihn endlich machen ließ.
Ab diesem Tag, war dann auch mein letzter Funke Selbstachtung flöten gegangen.

Die folgenden Monate drehte sich alles nur noch darum, wie wir am schnellsten Stoff besorgen könnten.
Wir waren beide ohne Obdach, pennten mal hier, mal da. Draußen, in Sparkassen oder bei Bekannten.
Wir klauten teure Kosmetik, Alkohol und alles, was uns in die Finger kam, um das Zeug anschliessend weiter zu verkaufen, damit wir uns irgendwie wieder Stoff organisieren konnten.
Ich weiss gar nicht, wie oft wir erwischt wurden. Einer von uns, landete immer irgendwann in Gewahrsam.
Dabei waren wir schon lange nicht mehr dieses coole Bonnie und Clyde Pärchen, was wir mal versucht hatten zu sein.
Er haute sich immer öfter Benzos rein und wurde dabei unausstehlich. Ich merkte sofort, wenn er Pillen intus hatte, weil er anfing zu sticheln und mich extrem niedermachte.
Irgendwann gingen wir regelmäßig aufeinander los.

Ich erinnere mich noch daran, wie wir an einem Bahnhof in einer Kleinstadt kurz vor Hamburg, wieder mal eskalierten und er auf mich losging. Irgendwelche Jugendlichen bekamen das mit und stellten sich ihm in den Weg. Das wäre DIE Gelegenheit gewesen abzuhauen.
Aber wohin hätte ich gesollt?
Ich konnte ja nicht einfach zurück zu meiner Familie. Also blieb nur er. Wir hatten nur uns.
Also kehrte ich nach wenigen Minuten wieder um.


Kurz nach seinem Geburtstag im Juli 2013, waren wir dann schon am absoluten Tiefpunkt angekommen. Er war mal wieder ohne Ende breit von Pillen. Da ich immer noch nicht selbst spritzen konnte, war ich auf ihn angewiesen. Das wusste er.
Er stritt sich absichtlich mit mir, machte sich was weg und schlief direkt auf der Couch ein. (Waren zu dem Zeitpunkt in der Wohnung seines Vaters, da dieser nicht vor Ort war.)
Wie das aber nun mal bei Süchtigen so ist, haben einige ein krasses Gespür dafür, wenn sich jemand an "seinem" Stoff zu schaffen machen möchte.
Ich wollte mir also davon was zum Rauchen abmachen und er wachte sofort auf - und flippte aus. An diesem Abend/Tag war es einfach too much. 
Wir stritten stundenlang, mit kurzen Pausen. Dabei flog ich fast aus dem Fenster - und ihm, ein Aschenbecher knapp am Kopf vorbei.
So schlimm, war es noch nie gewesen. Mehrere Male versuchte ich, aus der Wohnung zu flüchten aber ich kam nicht mal bis zur Tür. 
Die Nachbarn brüllten zwischendurch irgendwas von unten aber die Polizei wollte scheinbar auch niemand rufen.
Ich weiss nicht mehr, wie genau das alles endete. Vielleicht kam er langsam wieder runter von seinem Benzo - Trip und damit zur Besinnung. Keine Ahnung.
Jedenfalls schaffte ich es irgendwann endlich aus dieser Wohnung rauszukommen. Ich musste einen langen Fußmarsch zurücklegen, um zum nächsten Bahnhof zu gelangen. Irgendwann hörte ich ihn hinter mir rufen. Er kam angerannt, mitsamt meiner Tasche und meinen Klamotten und wollte mich zum Bahnhof begleiten. Soweit kam es dann aber gar nicht.
Just in dem Moment, fuhr die Polizei um die Ecke - und nahm ihn einfach mit.
Ausgerechnet jetzt. Wochenlang wurden wir immer wieder kontrolliert und jetzt plötzlich sollte er mitgenommen werden, weil ein Haftbefehl vorlag?
Ich verstand die Welt nicht mehr.

Da stand ich dann also. Allein, in einer fremden Stadt und schon ziemlich entzügig.
Drei Tage musste ich dort noch ausharren, bis mich endlich jemand abholen konnte.
Kurze Zeit drauf, fand ich mich auf Entgiftung wieder.
Dieses Mal sollte es wirklich klappen.
ABER: Lange Rede, kurzer Sinn.. ich brach mal wieder kurz vor knapp ab und landete letzten Endes wieder in Hamburg.
Ich tingelte drei Tage durch Hamburg, kaufte mir 'nen Riegel Benzos (Rivotril), schoß mich damit und mit Alkohol ab und hatte einfach einen Drei - Tages - Blackout.

Ohne Mist, Benzos & Alk.. lasst das einfach sein! Darauf werd ich nochmal in einer Podcast Folge näher drauf eingehen.
Aber eins sei gesagt: das ist wirklich kein Spaß.

Am dritten Tag fuhr ich wieder zum DROB INN und besorgte mir Crack. Auf dem Weg zu einer geeigneten Konsumstelle, hielt mich plötzlich die Polizei an. 
Ich konnte mich nicht ausweisen, hatte nur meine Krankenkassekarte dabei.
Ich weiß noch, wie ich in dem Moment überlegte, wegzurennen. Aber ich war unfähig mich zu bewegen. Weit gekommen, wäre ich vermutlich eh nicht.

Keine Sekunde später, kam der Polizist auf mich zu und erzählte mir, dass er gar nicht wisse, wieso ich nicht schon längst eingebuchtet worden wäre. Ein Haftbefehl gegen mich, wäre schon seit einer halben Ewigkeiten draußen.
Das war am 07.08.2013. Minuten später, fand ich mich in einer Zelle der berühmten Davidswache wieder. Und noch in derselben Nacht, auf der Krankenstation der U-Haft in Hamburg.
Während ich mir in der Davidswache noch einbildete, ich würde aus der Nummer irgendwie wieder rauskommen, schien mein verballertes Hirn am zweiten Tag in U-Haft so langsam endlich zu begreifen, dass ich nun erstmal in der Scheiße saß.
Und das Ganze sollte tatsächlich länger dauern als gedacht.



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